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Salman Ansari – I will help you

1941
Geboren in Indien
1962-1974
Studium der Chemie, Promotion (Dr.rer.nat.) und Lehrtätigkeit an der TH Darmstadt
1964-1969
Tutor für Gegenwartsliteratur im Rahmen des Tutorenprogramms der Universität Karlsruhe
Veröffentlichungen in div. Printmedien (FR, FAZ, TAGESSPIEGEL)
Hörbild im Süddeutschen Rundfunk
1974-2005
Pädagogischer Mitarbeiter an der Odenwaldschule
1996
Herausgabe des Buches „Wolfgang Hildesheimer, Schule des Sehens“, Insel Verlag, Frankfurt am Main
Auszeichnung: 2016 Kluge Stiftung – Human Award

weitere Publikationen und Informationen auf:

Wikipedia


Als Gastschüler sitze ich in einem Klassenraum eines Gymnasiums. Anna heißt meine Sitznachbarin. Sie schreibt schnell etwas auf einen Zettel und hält ihn mir vor die Augen:
„I will help you“ steht darauf geschrieben.

Ich falte meine Hände wie auf einem Bild Albrecht Dürers. Anna lächelt. Ich verspüre kein Heimweh mehr.
1958: Der Kalendermonat lautet September. Im Monat August, wo „die Erde für den Spaten leicht ist“, kam ich in Deutschland an. Die Gefallenen waren längst begraben. Ich hatte 19 Mitschüler. Drei von ihnen wurden von ihren Vätern und Müttern begrüßt, wenn sie nach der Schule heimkehrten.
Die Mütter der anderen nannte man Kriegswitwen.

Selbst nach der Französischen Revolution gab es im Westen immer nur wenige Frauen, die es schafften, eine akademische oder qualifizierte Berufsausbildung zu absolvieren. Dieses Privileg war vornehmlich der männlichen Gattung vorbehalten. Immerhin waren neben circa 6000 Männern rund 170 Frauen in Auschwitz beschäftigt. Sie sollen allerdings weniger grausam gewesen sein.
Die Mütter meiner Klassenkameraden hatten während des Krieges keinen anerkannten Beruf – das weiß ich. Die Kriegswitwen arbeiteten auch als Putzfrauen, damit ihre Kinder eine angemessene Ausbildung absolvieren konnten.
Mein Deutsch- und Geschichtslehrer, ein junger Mann mit einem amputierten Arm, sprach oft vom Krieg. Er forderte alle auf, von ihren Vätern zu erzählen. Er selbst wurde mit achtzehn Jahren gemustert. Ein Jahr zuvor war sein Vater hingerichtet worden. Er sprach nicht darüber, warum.
Die deutsche Sprache ist reich an Ausdrucksformen. Laut meinem Lexikon bedeutet mustern, jemanden neugierig anzusehen. Ich bin sicher, dass mein Lehrer nicht aus Neugier zum Wehrdienst abgeholt wurde.
Die Mütter meiner deutschen Freunde sprachen kein Englisch. Doch immer, wenn ich bei ihnen zum Abendbrot eingeladen war, umarmten sie mich mit einer solchen Freude, dass ich meinte, die Aura meiner Mutter zu verspüren.
Das Abendbrot wurde in den Wintermonaten immer in der Küche serviert. Die gemütliche Stube – falls eine vorhanden war – blieb den Gästen vorbehalten. Die Luft darin wurde bereits vor deren Ankunft mithilfe eines Kaminofens erwärmt.
Wir aßen also in der Küche – meist einen Eintopf, zubereitet von den Müttern, der himmlisch schmeckte. Hin und wieder gab es dazu ein Glas Bier.
Ach, diese Mütter!
Als Annas Mutter starb, hatte ich den unerfüllbaren Wunsch, sie, in ein weißes Tuch eingewickelt, ruhend auf den Schultern all meiner Freunde und mir, zu Grabe zu tragen.
Diese Mütter!
Die Kriegswitwen bewahrten viele Arten von Abfällen auf. Periodisch kamen die Lumpensammler vorbei. Sie holten auch Papier in jeglicher Form ab. Überhaupt gab es kaum etwas, das als Müll auf den Straßen sichtbar wurde. Irgendwie kannten die Mütter das Geheimnis, alles Verwertbare so zu nutzen, dass kein Restmüll anfiel.
Im Überfluss lebte ohnehin niemand, den ich kennenlernte. Ich kann wahrhaftig nicht beurteilen, ob die Menschen damals glücklicher waren als heute. Jedenfalls war der Gebrauch von Schimpfwörtern selten. Dass man auch auf Deutsch trefflich schimpfen kann, erfuhr ich erst, als Deutschland als Wirtschaftswunderland in aller Munde war.
Ach, diese Mütter!
Wenn sie die Welt regiert hätten, wäre sie eine Heimat für alle Lebewesen geblieben.
Dass ein Lehrer tatsächlich ein Vorbild sein kann, habe ich miterlebt. Alle meine Klassenkameraden verweigerten den Kriegsdienst. Mein Lexikon bezeichnet den Begriff Kriegsdienst als Dienst im Krieg. Obwohl es keinen Krieg in Deutschland mehr gab, flohen zwei meiner Freunde ins Ausland. Einen von ihnen sah ich nie wieder.
Zum Glück wurde Anna – wie auch alle anderen Frauen – nicht als tauglich für einen Kriegsdienst erachtet. Selten werden Frauen so trefflich wertgeschätzt.
Mit Anna traf ich mich oft im Botanischen Garten, auch als sie längst verheiratet und Mutter von zwei Kindern geworden war. Dort gab es einen künstlichen See. Unweit des Ufers hatte man Holzbänke aufgestellt. Wir saßen nah beieinander. Anna meinte, manche Dinge, die sie bedrückten, könne sie nur in meiner Gegenwart aussprechen. Danach gehe es ihr besser. Sie sagte, es sei oft so schwer, nicht laut zu schreien.
Dann sprach sie über den Vietnamkrieg, über Kinder in Afrika, die in den Armen ihrer Mütter mit leeren, hängenden Brüsten dem Hungertod erlagen.
„Wie soll man denn mit all dem glücklich leben, das wir hier haben?“, sagte sie kaum hörbar.
Je länger sie sprach, desto zittriger wurde ihre Stimme; manchmal benetzten Tränen ihr Gesicht. Oft aber hörte sie jäh auf zu sprechen, wischte sich die Tränen mit einem Taschentuch ab und schaute mich sogar lächelnd an.
„Ich habe wohl am Wasser gebaut“, flüsterte sie dann und drückte mir zärtlich die Hand.
Anna hatte auch die Gewohnheit, sich zu wiederholen. Immer beim Abschied umarmte sie mich und sagte:
„Alles, was wir Menschen haben, ist, dass wir einander haben.“

Auch Anna habe ich überlebt. Der See im Botanischen Garten ist sicher noch da, wenn auch sehr weit entfernt von dem Ort, an dem ich jetzt lebe.

In letzter Zeit fühle ich mich sehr geschwächt. Wenn ich wieder bei Kräften bin, werde ich dorthin fahren, mich auf die Bank setzen und die Tiere im See beobachten. Ich werde laut zu ihnen sprechen und sie fragen, ob sie sich an Anna erinnern und wissen, dass sie in mir keinen Fremden sah.
Ach, wie sich die Zeiten ändern!

Anregungsfragen:

  1. Wenn politische Systeme versagen – was trägt eine Gesellschaft dann wirklich?
  2. Wird Care-Arbeit heute ausreichend gewürdigt – oder wiederholt sich Geschichte?
  3. Ist moralische Sensibilität im Wohlstand schwieriger aufrechtzuerhalten?
  4. Wie prägt Sprache unser Verständnis von Krieg und Pflicht?
  5. Ist Nostalgie eine Kraftquelle – oder eine Verklärung?

Soll der Text "I will help you" von Salman Ansari Teil des Buches "630 - Stimmen der Gegenwart" werden?

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